Aktuelle Informationen aus der Welt der Psychologie

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Di, 06.07.2010, 12:35
Wenn Sie lesen „Denken Sie jetzt nicht an einen blauen Elefanten,“ denken Sie natürlich an einen blauen Elefanten. Denn Gedanken, die nicht gedacht werden sollen, drängen sich besonders auf. Genauso anschaulich und eingängig wie der Titel ist das zweite Buch von Thorsten Havener. Zwar sind viele der rezitierten Erkenntnisse bereits weitestgehend bekannt, aber es wird trotzdem nicht langweilig. Als „Deutschlands bekanntester Gedankenleser“ weiß der Autor, wie man ein Publikum unterhält. Das Buch ist ein Bestseller und spricht einen großen Leserkreis an.

Die sehr einfache Darstellung psychologischer Mechanismen aus dem Fundus der Grundlagenforschung fasziniert, geht aber auf Kosten einer differenzierten Betrachtungsweise. Der überwiegend leicht verständliche Plauderton kann nicht die Vielschichtigkeit psychologischer Phänomene einfangen. Havener stützt seine Überlegungen auf klassische Befunde und Studien der psychologischen Grundlagenforschung, bleibt aber im Umgang mit Fachbegriffen ungenau. Zum Beispiel unterscheidet er zwei von Freud geprägte Begriffe in verwirrender Weise: „das Unbewusste“ und „das Unterbewusstsein“. Das Kapitel zum Unterbewusstsein leitet der Autor mit der 7±2 Regel von Miller ein, die nur bedingt etwas mit dem Unterbewusstsein zu tun hat. Mehr Präzision in der Auswahl der Beispiele und mehr Detailliebe bei der Erwähnung wissenschaftlicher Forschung hätten diesem Buch gut getan.

Der Autor „erläutert erstaunliche Tricks und Methoden, unsere Gedanken zu befreien,“ steht auf seiner Webseite. Allerdings sind zum Beispiel seine wärmstens empfohlenen Favouriten unter den Entspannungsmethoden hinlänglich bekannt: die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson und das Autogene Training, das im Übrigen nicht von Jacobson entwickelt wurde wie Havener - oder war es Spitzbart? - irrtümlich schrieb. Es ist unklar, welche Passagen vom zweiten Autor, Dr. Med. Michael Spitzbart, stammen. Havener spart nicht mit  autobiographischen Anekdoten, wie die häufig verwendete Ich-Form suggeriert. Der Leser erfährt sehr viel Persönliches über den „Gedankenleser“ Thorsten Havener, was ihn einerseits sehr sympathisch macht, andererseits aber häufig zu weit vom Thema wegführt.

Sehr interessant sind seine seltenen Erläuterungen, wie er psychologisches Grundlagenwissen und gute Beobachtungsgabe in verblüffende Showeinlagen übersetzt. Diese eingestreuten Beispiele machen das Buch anregend und haben im Familienkreis für Unterhaltung gesorgt. Der ein oder andere Trick über den wir in Shows staunen, ist jetzt entzaubert.

Leicht verständlich und gut zu lesen ist das Buch von Havener und Spitzbart, aber für Leser mit psychologischen Vorkenntnissen größtenteils überflüssig. Mich jedenfalls hat das Buch überzeugt, dass sein Autor bestimmt ein sehr guter Redner ist und ich gerne mal eine seiner Shows besuchen würde.


Rezension zu „Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten! Die Macht der Gedanken“ von Thorsten Havener (03/2010). Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH. 255 Seiten.

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So, 21.03.2010, 15:18

"Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ..." Dieser Satzanfang ist eine der beliebtesten Phrasen in der Presse. Mit ihr lassen sich haarsträubende und unglaubliche Meldungen verkaufen, die zuverlässig für eine hohe Auflage sorgen. Ben Goldacre zieht mit seinem Buch "Die Wissenschaftslüge" in den Kampf gegen die pseudo-wissenschaftlichen Versprechungen von der Medizin, Homöopathie, Pharma- und Kosmetikindustrie. ... (weiter)


Rezension zu „Die Wissenschaftslüge“ von Ben Goldacre (2010), Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 420 Seiten

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Mi, 17.02.2010, 16:20
Komplexe Kausalketten vom eigenen Handeln hin zum großen Thema Klima lassen sich im Alltag leicht verdrängen. Zumal der Kampf für das Klima ein alltäglicher, unspektakulärer Kampf ist. Wie wird sich eine Familie entscheiden, die um die Umweltschädlichkeit von Flugzeugen weiß, aber die Osterferien gerne in Frankreich verbringen möchte? Um die Atmosphäre vor dem Kollaps zu retten, müssten viele von uns ihr Verhalten umstellen. Die individuelle Investition birgt allerdings Risiken: Wenn es uns nicht alle gleichtun, verlieren wir unseren Einsatz und müssen die Folgen trotzdem tragen.

Und konsequentes „grünes Handeln“ verlangt eine Menge Engagement, daher entscheiden sich viele für einen Mittelweg: Man fährt zwar nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit, kauft dafür aber immer die teuren Produkte mit dem Prädikat „umweltfreundlich“. Mit dieser Plakette wird dem Verbraucher suggeriert, dass er umweltfreundlich handelt. Das ist aber nicht der Fall, denn in der Regel erhalten nur schädliche Produkte das Prädikat „umweltfreundlich“. Nun werden Sie einwenden, dass es doch besser sei umweltfreundliche als umweltschädliche Güter zu verwenden. Diese Rechnung geht aber nur auf, wenn das Schiff noch kein Leck hat. Diesen Punkt verdeutlicht das folgende Gedankenspiel:

*Die Passagiere auf dem leckgeschlagenen Schiff

Pro Stunde fließen zehn Tonnen Wasser durch zahlreiche Lecks in der Außenbordwand. Bei 100 Tonnen Wassereinbruch schwimmt das Schiff noch, aber es ist nicht mehr zu retten, weil bei 100 Tonnen Wasser die Holzladung in den nächsten fünf Stunden dermaßen aufquillt, dass der hölzerne Schiffsrumpf birst. Der „point of no return“ ist also nach zehn Stunden und 100 Tonnen Wassereinbruch erreicht. Der sich dann anschließende Sinkprozess dauert fünf Stunden. Wenn wir nichts unternehmen, haben wir also alle noch 15 Stunden zu leben. Was machen die einzelnen Gruppen?

Da das Schiff starke Schlagseite nach Backbord hat, stimmen einige dafür, alle Passagiere sollten zum Ausgleich nach Steuerbord laufen. Das entspricht dem Vorschlag einer Regierungspartei, die meint: „Damit kommen wir bis zur nächsten Legislaturperiode erst einmal ohne großen Aufwand durch.“

Einige versuchen, die Lecks abzudichten. Sie stellen aber rasch fest, dass sie nicht ausreichende Mittel haben, dem enormen Wasserdruck von allen Seiten etwas entgegenzustellen. Das sind Leute mit dem guten Lösungsansatz, man müsse das Übel bei der Wurzel packen. Auf die Umwelt bezogen heißt das, wir bauen weniger Kraftwerke und schränken den Benzinverbrauch ein. Leider müssen wir feststellen, dass für jedes Kraftwerk, das wir einsparen, die Chinesen drei neue in Betrieb nehmen und dass sie mit immer mehr Autos immer mehr Kilometer fahren. Leider haben wir keinen Einfluss auf das Reich der Mitte. Aber die Hände in den Schoss legen, ist auch keine Lösung.

Einige spielen im Casino weiter, weil sie gerade ein verdammt gutes Blatt haben. Das sind Egoisten, die weder systemisch, global noch langfristig denken können.

Einige klettern in den höchsten Mastkorb. Das entspricht denjenigen, die sagen: „Wenn der Meeresspiegel um fünf Meter steigt und ich jetzt ein Haus sechs Meter über dem Meeresspiegel kaufe, dann habe ich bald eine wertsteigernde Immobilie mit Meeresblick am Strand.“

Ein Mann geht in inniger Verklärtheit durch die Kabinen und knipst die Lichter aus. Das ist der Mensch, der nur noch bei Tageslicht die Berichte über Klimakatastrophen liest, um sie so zu vermeiden.

Andere versuchen, Wasser aus dem Schiff zu pumpen. Sie stellen fest, dass zu jedem Zeitpunkt zehnmal so viel Wasser eindringt, wie sie herauspumpen können. Sie geben aber nicht auf und jeder, der sich besonders emsig an der Pumpe betätigt, erhält den blauen Engel dafür. Das sind die Leute, die sagen: „Aber etwas mehr Wasser aus dem Schiff zu pumpen ist doch besser, als etwas weniger rauszupumpen.“ Sprachlich eleganter wird das verkauft als: „Es ist uns gelungen, in der zweiten Stunde die Auspumpmenge um 3 % zu steigern. Die Schiffsführung plant, bis zur dreißigsten Stunde die Auspumpmenge um jeweils 4 % pro Stunde zu steigern.“ Das kann zwar keiner der Passagiere in Litern ausrechnen, was aber unter Wasser keine Rolle mehr spielen wird.

Einige sagen: „Wir müssen erst einmal herausfinden, warum wir so viele Lecks im Schiff haben.“ Sie stoßen schnell auf die Ursache: Viele der Passagiere hatten Feuer im Schiffsrumpf gemacht, um sich daran zu erwärmen. Dadurch entstehen aber große Löcher im Schiffsboden. Man kann die Leute zwar nicht überzeugen, davon Abstand zu nehmen, denn sie behaupten zu Recht, sie würden sonst frieren. So einigt man sich darauf, kleinere Feuer als bisher zu entfachen mit kleineren Löchern im Schiffsrumpf. Man beschließt dies als „seenotrettende“ Maßnahme zu bezeichnen und all denen, die sich daran halten, eine Plakette zu verleihen. Dies entspricht den „umweltfreundlichen“ Maßnahmen für nicht ganz so umweltschädliche wie zuvor.*

Die letzte Gruppe von Passagieren veranschaulicht, dass es bei sinkenden Schiffen keine gute Idee ist, Maßnahmen, die weiterhin zum Schiffbruch führen als „rettend“ zu bezeichnen. Diese Strategie wäre sinnvoll, hätten wir endlos viel Zeit. Haben wir aber nicht.

*Verwendung des Gedankenspiels um die Passagiere auf dem sinkenden Schiff mit freundlicher Genehmigung von Hartwig Eckert und dem Ernst Reinhardt Verlag aus: „Sprechen Sie noch oder werden Sie schon verstanden? Persönlichkeitsentwicklung durch Kommunikation“ (S. 58 bis 60)

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Mi, 03.02.2010, 15:44

Der Büchermarkt ist voll von Ratgebern zur persönlichen Weiterentwicklung. Goldene Strategien und Praxistipps in Beruf und Alltag versprechen den Erfolg und taugen mit ihren Floskeln und Formeln wenig. Der Titel von Hartwig Eckerts Buch "Sprechen Sie noch oder werden Sie schon verstanden?" lehnt sich an einen bekannten Werbeslogan an, der bereits in allen möglichen Varianten in den Medien breitgetreten wurde. Der Untertitel "Persönlichkeitsentwicklung durch Kommunikation" ließ ebenfalls in Anbetracht der Masse an Ratgebern mit ähnlichem Titel nichts Gutes erwarten. ... (weiter)


Rezension zu „Sprechen Sie noch oder werden Sie schon verstanden? Persönlichkeitsentwicklung durch Kommunikation“ von Hartwig Eckert (2010), München: Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co KG, 219 Seiten.
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Do, 28.01.2010, 22:41
Katrin, 53 Jahre, geschieden nach zwei Ehejahren, zwei erwachsene Kinder, drei Enkelkinder, niedergelassene Ärztin
Hans, 49 Jahre, nie verheiratet, zwei Kinder lebend bei der Mutter, Dipl.-Ingenieur

Katrin und Hans sind seit einem Jahr und zwei Monaten ein Paar. Wegen der räumlichen Entfernung sehen sie sich nur am Wochenende.

Liebe im Herbst des Lebens Hans: Katrin hat unseren Jahrestag vergessen. Es hat mich ein wenig enttäuscht, dass dieser Tag für sie eine geringere Bedeutung hat als für mich. Und ich befürchte, dass auch unsere Beziehung für sie eine andere Bedeutung haben könnte als für mich.

Katrin: Wirklich? Du weißt nicht, was unsere Beziehung für einen Stellenwert für mich hat?

Hans: So wie du in einem unserer früheren Gespräche über unseren Jahrestag hinweg gegangen bist, schien das Thema für dich eher belanglos zu sein.

Katrin: Ich bin richtig erstaunt, dass du das an dieser Stelle noch einmal aufgreifst. Eben weil wir doch darüber gesprochen hatten. In Südafrika. Du hattest, aus meiner Sicht, mein Versäumen unseres Jahrestages doch auch nicht als so wichtig angesehen. Wir waren lange unterwegs, herausgerissen aus dem Alltag. Ich habe in unserem wochenlangen Urlaub einfach nicht an den Jahrestag gedacht, und es tut mir auch leid. Zweifelst du etwa an meinen Gefühlen zu dir?

Hans: Ja, schon. Bereits vor unserer Reise habe ich mir deswegen Gedanken gemacht. Du weißt ja, ich hätte fast unsere Reise abgesagt, weil ich damals nicht wusste, welche Rolle ich in deinem Leben spiele. Ich fühlte mich emotional vernachlässigt. An den gemeinsamen Wochenenden hast du deinen Kindern und Enkelkindern mehr Beachtung geschenkt als mir. Ich freue mich ja, dass du eine so wundervolle Beziehung zu deinen Kindern hast. Und ich habe dem zuerst wenig Aufmerksamkeit geschenkt, aber nach einigen Monaten stellte ich zunehmend eine innere Verstimmung fest, die mich verunsicherte und die ich nicht einordnen konnte. Aber nachdem ich mich damit länger auseinandergesetzt habe, stellte ich fest, dass ich mich in großer Konkurrenz befand. Katrins Interesse für ihre Familie geht von ihrem Interesse an mir ab. Ich fühlte mich gekränkt und zurückgesetzt. Für mich war das ein großer Konflikt und es war mir auch klar, dass es für Katrin einen noch größeren Konflikt darstellt.

Katrin: Uns war ja von Anfang an klar, dass das Zusammenlegen unserer beider Leben ziemlich schwierig werden könnte. Ich habe zu meinen Kindern ein sehr enges Verhältnis, da ich viele Jahre allein mit ihnen gelebt habe. Es war für mich bis jetzt immer so, dass meine Kinder den größten Stellenwert für mich hatten. Und das wird auch so bleiben. Aber mir ist anhand unserer Situation klar geworden, dass ich mit diesen verschiedenen Beziehungsebenen anders umgehen lernen muss. Für mich war es gut, dass du damals so heftig reagiert hast. Du hattest völlig Recht. Um es auf den Punkt zu bringen: Während ich alle Entscheidungen mit meinen Kindern abgestimmt habe, hatte Hans nur die Wahl mitzumachen oder in seinem Leben zu bleiben. Daher konnte ich sein Gefühl, dass die Kinder immer vorgehen, nachvollziehen. Ich habe überhaupt nicht darüber nachgedacht und daher war es für mich völlig ausgeschlossen, erst mit dir als meinen Partner die Entscheidungen abzustimmen und sie dann gemeinsam mit den Kindern zu treffen. Aber das konnte ich vorher auch nicht so sehen, weil Hans im ganzen ersten halben Jahr seine Autonomiewünsche betont hat. Es gab Situationen, in denen er darüber sprach eine Auszeit zu brauchen und sein früheres Leben zu vermissen. Ich hatte das Gefühl mehr Ballast zu sein ... als eine Freundin, Geliebte oder Partnerin. Mir war gar nicht klar, dass er so stark an meinem Leben teilhaben wollte.

Hans: Es stimmt, es fiel mir in den ersten sechs Monaten schwer, die enorme Intensität unserer Beziehung auszuhalten, da sie mich zunehmend erschöpfte. Von meinem bisherigen vertrauten und sicheren Leben blieben nur noch Fragmente. Manchmal sehnte ich mich nach Begegnungen mit alten Freunden und Bekannten, die ich unter der Woche wegen Arbeit und anderen Verpflichtungen nicht sehen konnte. Ich war mir nicht sicher, ob ich unsere Beziehung in dieser Intensität durchhalten kann. Sie nimmt einen großen Raum in meinem Alltag ein. Wir telefonieren fast jeden Abend und ich bin in Gedanken oft bei ihr. Ich hatte die Sorge mein bisheriges vertrautes Leben fast ganz zu verlieren.

Katrin: Aber du hättest doch deine Freunde treffen oder dir mal eine Auszeit für ein Wochenende nehmen können. Es hat mich verunsichert, dass du öfters von dem Wunsch nach einer Auszeit gesprochen, sie dir aber nie genommen hast. Mir ging es ähnlich. Ich hätte mir manchmal gewünscht, du wärest nicht gekommen. Ich habe mich aber nicht getraut, es dir zu sagen, um die Beziehung nicht zu gefährden. Ich hatte das Gefühl, dass unsere Beziehung nicht stabil genug ist und jeder von uns bei längerer Pause wieder in sein altes Leben zurückkehrt, und die Beziehung daran zerbricht. Hätte Hans sich zurückgezogen, hätte ich wieder mein autonomes und zufriedenes Lebensgefühl gesucht, um Angst und Schmerz vor dem vermeintlichen Verlust zu vermeiden.

Hans: Das habe ich genauso erlebt wie Katrin und mich aus diesem Gefühl heraus überhaupt nicht für eine Auszeit entscheiden können. Und wenn ich ein Wochenende zu Hause geblieben wäre, hätte ich es nicht genießen können, weil ich ohnehin in Gedanken bei ihr gewesen wäre.

Katrin: Als uns bewusst geworden ist, dass diese ständige Angst vor einer möglichen Trennung oder dem emotionalen Rückzug ins Altbekannte uns so einengt und in Anspannung hält, hat ja unsere Idee erst einmal eine Nichttrennungsklausel einzuführen, sehr geholfen. Das klingt wahrscheinlich merkwürdig und konstruiert, aber mir hat es die Möglichkeit gegeben, mich emotional offener und auch ehrlicher Hans gegenüber zu zeigen. Ich musste nicht mehr perfekt in all meinen Reaktionen ihm gegenüber sein. Ich glaube auch, dass ein klares Ja dem Partner gegenüber eine Grundvoraussetzung für eine stabile Beziehung ist.

Hans: Also mir ging es da genauso. Ich fühlte mich total erleichtert und hatte nicht mehr die innere Anspannung, mich ständig beweisen zu müssen. Es gab mir mehr innere emotionale Stabilität, die mir durchaus manchmal in vorherigen Beziehungen gefehlt hatte. Bevor ich Katrin kennen lernte, war meine Verlustangst mittlerweile so groß, dass ich Schwierigkeiten hatte, mich überhaupt wieder auf eine Beziehung einzulassen. Meine dadurch geschaffene innere Autonomie ließ mich in meinem vertrauten und vernunftbetonten Leben verharren. Jetzt war eine schnelle Trennung durch die schon erwähnte Klausel nicht mehr möglich, weder von ihrer noch von meiner Seite. Das fühlte sich an als hätten wir eine neue Beziehungsebene betreten. Meine Angst hat sich gelegt und ich konnte Katrin wesentlich entspannter in ihren Wünschen und Bedürfnissen wahrnehmen, weil ich nicht mehr so mit mir und meiner Bedeutung für sie beschäftigt war.

Katrin: Aber ganz ist das Thema der Bedeutungsintensität ja noch nicht vom Tisch siehe Jahrestag ... Aber ich weiß noch, wie oft ich vor dieser Klausel bei Spannungen gedacht hatte, das tust du dir nicht mehr an. Wenn es schmerzte und ich nur noch weinen wollte, kam bei mir immer der Gedanke die Beziehung zu beenden. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf Kränkungen und Verletzungen, die ja leider in einer Beziehung nicht ausbleiben. Trotzdem merke ich, dass ich und auch Hans nach wie vor vorsichtig mit unerwarteten Reaktionen des anderen umgehen. Mir gelingt es dann immer noch nicht, mich ihm wirklich mitzuteilen. Habe ich früher mit einem verständnisvollen Ok. nach außen reagiert, frage ich jetzt eher nach, ziehe mich unauffälliger zurück und sitze es aus - in der Hoffnung, Hans spricht das leidige Thema noch einmal an. Klappt nicht immer ... So bleibt Ungeklärtes, Unverstandenes auch unausgesprochen und ich schaue mir die Beziehung etwas distanzierter an. Vielleicht geht es in Beziehungen auch gar nicht anders. Der überzogene Wunsch nach Verstandenwerden, sich auf einer Ebene zu erleben und immer wieder Harmonie und Symbiose zu erreichen, bleibt nur eine unerfüllte Sehnsucht.

Hans: Mir ist gerade deutlich geworden, dass der Jahrestag so wichtig für mich ist, weil ich immer noch die Bestätigung ihrer Liebe brauche. Die Klausel hat scheinbar entspannt, aber nicht die Angst vor Verlust beseitigt. Ich merke, wie ich auf ihrer Reaktion bzw. Nichtreaktion sitzen bleibe. Habe ich wirklich weniger Bedeutung für Katrin oder bin ich gefangen in den Altlasten der früheren Beziehungen? Gleichzeitig ist bei mir durch den runden Geburtstag meines Vaters und die erwartete Rede von mir das Vaterthema hochgekommen ... und meine unsägliche Traurigkeit auf den nicht vorhandenen Vater ... hat da der Verlust begonnen? Ich muss darüber in Ruhe für mich nachdenken. Eines weiß ich jedenfalls, dass ich mich nicht von Katrin trennen möchte - weil ich sie liebe und brauche.

Katrin: Ich finde, wir haben eine richtig gute Chance, unsere Beziehung zu leben und die Veränderungen zu überleben. Diese Reflektionen sind mir unheimlich wichtig. Hans wird mir dadurch viel näher, erfahrbarer und es wird klarer, dass die gefühlten Kränkungen nicht vorsätzlich gegen den anderen gerichtet werden. Für mich hat unsere Beziehung etwas Einzigartiges. Das begann für mich bereits mit unserer absolut ungewöhnlichen Kennenlernsituation auf dieser kleinen Insel vor über einem Jahr. In unseren Alltagssituationen wären wir vielleicht nicht aufeinander aufmerksam geworden und hätten uns wohl auch anders wahrgenommen. Ich bin gespannt und zur Zeit entspannt, wie sich der Umgang miteinander und die Gefühle füreinander in unserer Beziehung entwickeln und verändern werden.

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